Jonas Hertner

Ein unabhängiger Blick auf den Streitfall

Verfahrensführung und unabhängige Prüfung beantworten unterschiedliche Fragen. Ein zweiter Blick hilft der Klientschaft, Annahmen, Szenarien und Handlungsoptionen zu prüfen.

Jeder bedeutende Streitfall braucht eine Falltheorie. Sie ordnet Tatsachen, Dokumente, Zeugenaussagen und Verfahren. Sie ist nötig und vorläufig. Ändert sich der Aktenstand, muss sie geprüft werden.

Die mandatsführenden Anwältinnen und Anwälte kennen die Akten, das Verfahren und die Gegenseite. Sie tragen die Verantwortung für die Prozessführung. Eine unabhängige Prüfung hat eine andere Aufgabe: Sie beantwortet eine klar umrissene Frage, ohne das Verfahren im Alltag zu führen.

Beide Perspektiven ergänzen sich. Engagement bringt das Verfahren voran. Abstand hilft, seine Annahmen zu prüfen. Die Klientschaft kann beides brauchen, wenn viel Kapital, Zeit, Beziehungen oder Ansehen auf dem Spiel stehen.

Wenn eine Transaktion zum Streitfall wird

Wer eine Transaktion begleitet hat, kennt ihre Dokumente, Verhandlungen und wirtschaftlichen Gründe. Dieses Wissen ist wichtig, wenn daraus ein Streit entsteht. Ein neuer Blick stellt eine weitere Frage: Wie könnten ein Gericht oder die Gegenpartei dieselben Akten heute lesen? Die Prüfung berichtigt nicht die frühere Arbeit. Sie prüft die heutige Position.

Dieselbe Sorgfalt hilft vor einem Konflikt. Wo die Tragweite es rechtfertigt, kann jemand mit Prozesserfahrung schon während der Transaktion Mitteilungen, Nebenabreden, Protokolle und Entscheidungsgrundlagen prüfen. Ein späteres Verfahren hängt oft von Akten ab, die entstanden sind, bevor jemand mit einem Prozess rechnete.

Zwei Arten von Entscheidungen

Es hilft, zwei Arten von Entscheidungen zu trennen, die meist als eine besprochen werden.

Die erste betrifft die Prozessführung: was vorzutragen, wie ein Anspruch zu fassen und wie eine Befragung zu führen ist. Das ist Aufgabe der mandatsführenden Rechtsvertretung.

Die zweite Art ist strategisch und wirtschaftlich:

  • ob überhaupt geklagt wird, und wann;
  • was die Sache wert ist, als Spanne möglicher Ausgänge, nicht als eine Zahl;
  • die realistische Verlustgefahr, samt den Kosten, die unabhängig vom Ausgang anfallen;
  • ob das Verfahren finanziert wird, und zu welchen Bedingungen;
  • der Punkt, an dem ein Vergleich zur besseren Lösung wird.

Das sind Fragen von Kapital, Zeit und Risiko. Die Klientschaft entscheidet sie. Der Rat der mandatsführenden Rechtsvertretung ist wesentlich. Eine unabhängige Prüfung kann helfen, wenn ein Verwaltungsrat, ein Eigentümer oder ein Family Office die Annahmen getrennt vom Verfahrensalltag prüfen will.

Was ein unabhängiger Blick prüft

Die Prüfung kann Rechtsfragen umfassen. Besonders nützlich ist oft der Weg von den Akten zur Entscheidung.

Was muss zutreffen, damit der Anspruch Erfolg hat? Was könnte ihn scheitern lassen? Gemeint sind konkrete Fragen: welche Feststellung, gestützt auf welches Dokument, in welchem Verfahrensstadium. Danach ist zu prüfen, welcher Teil des behaupteten Werts von jeder Feststellung abhängt und was sie heute stützt.

Die Antwort ist eine knappe Übersicht der Annahmen, Belege, offenen Fragen und möglichen Ausgänge. Jede wesentliche Tatsache und Rechtsaussage sollte mit ihrer Quelle verknüpft sein.

Die Klientschaft fragt oft nach einer Prozentzahl. Wo die Akten keine statistische Wahrscheinlichkeit tragen, kann eine Zahl die entscheidenden Annahmen verdecken. Ich ziehe Szenarien vor. Wer die möglichen Ausgänge, ihre Kosten und den Weg dorthin sieht, entscheidet auf sichtbarer Grundlage.

Umfang und Grenze

Eine neue prüfende Person braucht Zeit, um den notwendigen Teil der Akten zu verstehen. Quellengebundene Werkzeuge können helfen, einen bestimmten Bestand zu erschliessen und den Weg zu jeder Feststellung offenzulegen. Vollständigkeit gewährleisten sie nicht. Die Prüfung muss sagen, welche Unterlagen vorlagen, was nicht gelesen werden konnte und wie der Bestand ausgewählt wurde.

Die Prüfung soll begrenzt sein: eine Entscheidung oder Frage, vereinbarte Quellen, ein Zeitplan und eine schriftliche Antwort. Rechtfertigen die möglichen Folgen den Aufwand nicht, ist keine gesonderte Prüfung nötig.

Verwaltungsräte holen unabhängige Bewertungen, Fairness Opinions und technische Prüfungen ein, ohne ihren bestehenden Beraterinnen und Beratern zu misstrauen. Der Grund ist einfacher: Die Entscheidung liegt beim Verwaltungsrat, und eine folgenreiche Entscheidung kann eine gesonderte Prüfung verdienen.